Die Gesellschaftsskizze („artículo de costumbres“) als mediale Darstellungsform ethnografischen Wissens im spanisch-sprachigen Lateinamerika zur Zeit der Staatenbildung (1830-1898)

Bedingt durch den gesellschaftlichen Wandel im Zuge der Französischen Revolution und der Aufklärung begannen die Menschen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, sich selbst und ihre unmittelbare Lebenswelt verstärkt beobachtend in den Blick zu nehmen. Ausgehend von den französischen „esquisses des moeurs“ und den englischen „sketches of manners“ fanden solche Gesellschaftsskizzen bald auch in anderen europäischen Ländern weite Verbreitung. Veröffentlicht wurden diese kurzen, tendenziell soziologischen und anthropologischen Abhandlungen in den großen Zeitungen und Illustrierten, die ihre Auflagen und ihren Verbreitungsgrad und damit auch ihren Einfluss in dieser Epoche merklich steigern konnten. Begünstigt wurde dies vor allem durch die technischen Neuerungen im Druck- und Vertriebswesen sowie durch die Liberalisierung der Zensur. Die größe Bedeutung erlangte diese Textgattung aber als „artículos de costumbres“ in Spanien vor allem dank der madrilenischen Schriftsteller und Journalisten Mariano José de Larra und  Ramón de Mesonero Romanos.

 

Obwohl die meisten spanischen Kolonien in Süd- und Mittelamerika und in der Karibik in jener Epoche bereits ihre Unabhängigkeit erlangt hatten, wurden die „artículos de costumbres“ durch die immer noch starke kulturelle Bindung zum spanischen Mutterland bald auch jenseits des Atlantiks sehr populär. Dadurch entstand eine Vielzahl von historischen Quellen, die Aufschluss geben über die sozialen, politischen und technischen Veränderungen in den Ländern Lateinamerikas zur Zeit der Staatenbildung (1830-1898). Diese sollen vor allem hinsichtlich der Fragen untersucht werden, inwieweit sich darin Urbanisierungsprozesse und Gegensätze zwischen Stadt und Land erkennen lassen, wie die unterschiedlichen sozialen Typen dargestellt werden, auf welche Weise die Texte zur Nationenbildung und dem nationalen Selbstverständnis des jeweiligen Landes beitrugen und inwiefern die Autoren der Texte mit den lokalen Wissensmilieus vernetzt waren. Die Analyse der genannten Aspekte soll unter transnationaler Perspektive anhand von einzelnen Fallstudien – Mexiko für Mittelamerika, Argentinien für Südamerika und  Kuba für die Karibik erfolgen.


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